Jetzt unverbindlich beraten lassen. Wir helfen Ihnen gerne weiter! 0211 672063

»Packages and Wrapped Objects«

Christo und Jeanne-Claude
»Packages and Wrapped Objects, 1958-1969«

Christo und Jeanne-Claude haben eine beeindruckende Zahl von Objekten in gewöhnliches Gewebe gehüllt und verschnürt und sich damit in der Kunst der Jahrhundertmitte einen herausragenden Platz gesichert. Sie verhüllten einfach alles, von der Blechdose bis zu ganzen Gebäuden.

Seit dem ersten Vorschlag zur Verhüllung eines öffentlichen Gebäudes 1961 herrschen im Werk von Christo und Jeanne-Claude Großprojekte vor, womit häufig nichts anderes zum Ausdruck kommt als: Mehr ist zugleich besser – oder Quantität ist gleichbedeutend mit Qualität.

Bei seinen frühen Paketen verleiht Christo ganz alltäglichen Gegenständen eine ambivalente Präsenz, wobei er sie manchmal bis zur Unkenntlichkeit verändert und oft Zweifel an ihrer früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Identität und Funktion aufkommen lässt. Bei ihren epischeren Unternehmungen befragen Christo und Jeanne-Claude das Verhältnis der Kunst zu ihrer städtischen oder natürlichen Umgebung. Im materialistischen Zeitalter kommentieren sie mir ihrer Kunst gnadenlos die chronischen Erwartungen und Frustrationen, wie durch ihre Verpackungen "überhöhte" Konsumerzeugnisse sie zunehmend auslösen.

Umhüllung kann so unterschiedliche Assoziationen wie Geschenk, Tod, Bewahren oder Eros wachrufen, doch fast immer geht mit ihr eine Aufwertung einher: Der verhüllte Gegenstand ist der Aufmerksamkeit wert. Doch während die Verhüllung eine Kostbarkeit andeutet, reduziert sie zugleich alles auf die Objektebene: Der innen liegende Gegenstand ist zunächst einmal ein physisches Ding. Somit sind wir mit einem isolierten Objekt konfrontiert, das aufgrund seiner Umhüllung mehr Wert erlangt, als es unverpackt hätte. Ein als Geschenk verpackter Gegenstand erweckt garantiert Neugier, verhießt eine unbekannte Überraschung. Mit dem Verbergen geht auch ein Bewahren, in manchen Fällen ein Unterdrücken und Zensieren einher. Die ägyptischen Mumien sagen uns, dass Umhüllen mit Tod und mit Bewahren von Materie für das Jenseits zu tun hat. Den erotischen Aspekt von Hüllen kennen wir spätestens seit der Erfindung des Striptease. Mit der Bekleidung als Verpackung kommen wir täglich in Berührung. Und am Abend setz sich fast jeder von uns in die Transportverpackung Auto oder U-Bahn, um in die Architekturverpackung des eigenen Heims zu gelangen.

In Christos frühen Arbeiten haben die Materialien die selbe Realität wie im täglichen Leben. Ein verhüllter Stuhl beispielsweise ist durch und durch buchstabentreu: Ein echter Stuhl ist mit echtem Polyäthylen umhüllt. Das Aufreizende daran ist, dass uns die Verpackungen fast wie gewöhnliche Gegenstände der wirklichen Welt entgegentreten. In gewissem Sinn haben Christos frühe Werke nichts Abstraktes: Materialien werden auf völlig materialistische Weise verwendet und behalten ihre normale Identität und Funktion bei. Nie werden sie formalistisch abstrahiert.

Dennoch scheint Christo das Verhüllen als einen Akt knapp unterhalb der Verwandlung zu begreifen. Einerseits  unterscheiden sich die Pakete in nichts von den tatsächlichen Gegenständen: Im Gegensatz zum virtuellen Idealraum einer Skulptur in Unter- oder Überlebensgröße, die vielleicht zudem in einer Nische steht oder auf andere Weise "verfremdet" ist, nehmen die Pakete ihren gewöhnlichen Raum ein. Andererseits "verfremdet" Christo seine Objekte ästhetisch sehr wohl, indem er sie mit Hilfe der Umhüllung distanzierter und unzugänglicher erscheinen lässt. Er entzieht ihre Identität dem Blick und bewirkt damit eine Teilverwandlung, bei der alltägliches Material seine Identität beibehält und zugleich eine neue Bedeutung erlangt.

Für die Kunst des 20. Jahrhunderts eignet sich Verhüllen hervorragend als Thema. Zwar gab es auch im 19. Jahrhundert in der Verpackungstechnik zahlreiche Innovationen (Metalldosen wurden 1810 patentiert, Faltkartons 1879 erfunden), aber das Verpacken, das wir heute als selbstverständlich betrachten, existierte vor 1900 noch kaum. Erst in diesem Jahrhundert avancierten effiziente Lagerung und Handhabung sowie die informative Beschriftung zu wichtigen Verpackungsattributen. Die drei Grundfunktionen, die das das Verpacken für den Verbraucher hat – normierte Vereinheitlichung, Schutz und Information –, sind mittlerweile so perfektioniert, dass uns, wie wir täglich erfahren, die Verpackung zum Kauf des Inhalts veranlasst. Inzwischen ist die Verpackung das Produkt. Nach einem Bericht der Industrieforschungsfirma Arthur D. Little, Inc. "kommt eine hochindustrialisierte städtische Gesellschaft ohne raffinierte Verpackung aller Arten von Erzeugnissen heute einfach nicht mehr aus".

Auch Dienstleistungen und Waren begegnen uns mehr und mehr in "Paket"-Form. Paketieren bedeutet inzwischen nicht mehr nur das Einbinden und Lagern von Verbrauchsgütern, sondern auch die kollektive Präsentation und den Transfer verschiedenster Dienstleistungen und Informationen: Es gibt "Paketfinanzierungen" und umfassende "Versicherungspakete". Der Begriff "Paketlösung" hat Eingang in unsere Alltagssprache gefunden; Webster's Third International Dictionary definiert sie als "1: Angebot oder Vereinbarung unter Einbeziehung einer Reihe einschlägiger Posten oder etwas, bei dem die Annahme eines Postens von der Annahme eines anderen abhängig ist; 2: die angebotenen Einzelposten."

Das größte Geheimnis ist vielleicht, dass kein Dadaist oder Surrealist, auch Man Ray nicht, auf die Idee kam, der tieferen Bedeutung des Verhüllens nachzuspüren, obwohl sich dieses Thema für allerlei formale und psychologische Exkurse anbietet. Selbst Man Ray hat nie die Idee des Verhüllens als skulpturale Form verfolgt, und in seinem Gesamtwerk steht The Enigma völlig isoliert. The Enigma wurde 1967 auf Ersuchen des Museums of Modern Art in New York als Skulpturobjekt rekonstruiert und im folgenden Jahr in der gewaltigen Präsentation der dadaistischen und surrealistischen Kunst ausgestellt. Die etwas massigere Rekonstruktion steht jetzt in der Studienkollektion des Museums.

Christos unförmige Bündel sind natürlich eine Antithese zur Stromlinienförmigen Industrieverpackung, die attraktiv, informativ und leicht stapelbar sein soll. Christos Pakete und Verhüllte Objekte sind nicht Design, sondern Improvisation, geheimnisvoll statt informativ, handgemacht statt massenproduziert. Sie ähneln eher den ungelenken Zufallspaketen, die ein verarmter Heimanbieter oder Ladenbesitzer hastig aus dem herstellt, was er gerade zur Hand hat. Das Verhüllungsmaterial ist in der Regel "heimelig" (gewöhnlicher Stoff oder Kunststoff), und die Inhalte sind meist eher Billigware (ein gewöhnlicher Küchenschemel anstatt eines kostspieligen Barcelona-Stuhls von Mies van der Rohe).

Auf die Verhüllungsidee scheint Christo nicht mit Blick auf das spätere Aussehen seiner Arbeiten gekommen zu sein, sondern über den mühseligen Prozess der Skulpturenherstellung aus Fundmaterial. Seine ersten Gegenstände umhüllte er 1958 in Paris als Teil eines wuchernden, raumgreifenden Werkes, das er Inventar nannte. Wie der Titel bereits besagt, handelte es sich um ein Sammelsurium verhüllter, bemalter oder auch unverändert belassener Flaschen, Dosen, Stahlfässer und Holzkisten, die zumeist kunterbunt durcheinander und übereinander gestapelt standen und lagen. Bezeichnenderweise haben sie Flaschen, Dosen, Kästen und Fässer eines gemeinsam: Es handelt sich durchweg um Behältnisse.

Inventar, das man als Christos erstes Übergangsenvironment bezeichnen kann, gibt es heute nicht mehr, aber ein Bruchteil davon ist in Form von Verhüllte Flaschen und Dosen erhalten geblieben. Dieses einfache Werk besteht aus einer Gruppe von Pigmentflaschen und Farbdosen, die etwa zur Hälfte mit Leinen uns Schnur umhüllt sind und mit Lack und Sand bemalt wurden, um eine leicht gekörnte Oberfläche zu erzielen. Die verhüllten Dosen und Flaschen stehen kreuz und quer inmitten unveränderter Behältnisse als Kontrast – zwei halb mit Farbpigment gefüllten Flaschen und ein paar Kanistern, an denen Lack heruntergetropft ist. Indem er gewöhnliches Arbeitsmaterial für Künstler umhüllte, wollte Christo vielleicht die Zukunft der Malerei mit einem ironischen Kommentar versehen. Heute liegt die Hauptbedeutung dieser Erstlingsarbeit indes in der Deutlichkeit, mit der sich in ihr fast sämtliche Interessen von Christo und Jeanne-Claude für künftig zu realisierende Projekte ankündigen.

Nur selten verhüllt Christo einen Gegenstand möglichst kompakt und säuberlich. Viel häufiger gibt es unordentliche Falten und Wülste, aus denen unregelmäßige Konturen entstehen, so dass die Pakete eindeutig einen expressionistischen Einschlag erhalten. Wie ein Couturier drapiert Christo das Gewebe direkt um das Objekt, sorgt für barocke Rundungen und Ausbuchtungen, um es schließlich wie besessen zu verknoten. Die Oberfläche ist reich mit vielen Diagonalfalten gegliedert, so dass sogar ein eigentlich flacher Gegenstand wie ein Gemälde voluminöse Partien erhält und eine kantige, asymmetrische Silhouette aufweist. Das Verhüllungsmaterial fungiert gewissermaßen als Haut und betont die physischen Extremitäten des Objekts, indem Schründe und Einbuchtungen umwickelt werden. Die Umhüllung verändert die Konturen des Inhalts, der seinerseits der Außenhaut Gestalt verleiht. Mag das innen liegende Objekt auch noch so sorgfältig verborgen sein – dank seiner physischen Realität wird seine Gegenwart spürbar, die innere Form aktiviert die einschnürende Oberfläche.

Christos Pakete liefern mehrere Hinweise auf einen starken, persönlichen Stil. Jeder andere ginge wahrscheinlich beim Festzurren der Kordeln methodischer vor, würde ihnen eine gewisse Regelmäßigkeit verleihen. Christos wie hastig geknüpft wirkende Schnüre verlaufen kreuz und quer in erratischen Hakensprüngen, so als hätte sich das widerstrebende Objekt in seinen Schlaufen verfangen. Die Knoten sind auch zahlreicher als unbedingt nötig, während die Bindfäden im Vergleich zur umschnürten Masse meist viel zu dünn wirken, was sie jedoch durch ihre Überfülle wettmachen. Die exzentrisch geschlungenen Knoten gemahnen mit ihren kurzen Enden unverwechselbar an ein Autogramm und sind so eindeutig wie die Signatur eines Künstlers.

Kunst Wissen

Christo & Jeanne-Claude – Die Kunst des Künstlerpaares der Superlative

Christo und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude sind fast jedem ein Begriff, und wenn irgendwo ein bedeutendes Gebäude für Bauarbeiten eingehüllt ist, wird oft gefragt: War es Christo? Dabei gehörten Gebäude-Verhüllungen bei Christo und Jeanne-Claude zu den Ausnahmen, denn außer dem Verhüllten Reichstag in Berlin (»Wrapped Reichstag«) gab es nur noch...

► Erfahren Sie hier mehr zu den Projekten, zu Christos Verbindung zu Deutschland und zu Christos Kunst als Wertanlage!

Kunst Wissen

Aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit können wir ein exklusives Programm an Arbeiten von Christo anbieten.

Entdecken Sie jetzt! Originale Collagen • Limitierte Fotografien • Verhüllte Objekte • Seltene Unikate • Handsignierte Drucke

Art Store

Unsere Kunst-Empfehlungen

Wrapped Roses

»Wrapped Roses - 1968«, Objekt Plastikrosen in Folie, handsigniert

Art Store

Wrapped Snoopy House Project

Es darf auch mal ein bisschen humorvoll sein!

»Wrapped Snoopy House Project«, 3D Collage auf Lithographie, handsigniert, num.

Art Store

Künstlerbiografie

Zur Vita des Künstlerpaares

Kunst Wissen

Christo, Jeanne-Claude und Fils – Kooperationspartner seit 30 Jahren

Mit Christo und seiner verstorbenen Frau Jeanne-Claude verbinden uns drei Jahrzehnte verlegerische Arbeit, Projekte, Ausstellungen, Vorträge und Reisen. Und die Liebe zur Kunst, immer verbunden mit der Freude am Leben.