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Erinnerungen an Christo & Jeanne-Claude – Ein Gastbeitrag von Alexander Fils für die Rheinische Post über die beiden bemerkenswerten Künstler

Artikel über Christo und Jeanne-Claude in der Rheinischen Post vom 05. Juni 2020

"Düsseldorf. Der Düsseldorfer Kunstverleger Alexander Fils hat mehr als drei Jahrzehnte mit dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude zusammengearbeitet. Er erinnert sich in einem Gastbeitrag für unsere Redaktion an besondere Stationen – und nächtliche Telefonate.

1985 begann meine Zusammenarbeit und Freundschaft mit Christo und Jeanne-Claude, nachdem meine Eltern mich gefragt hatten, ob ich mich nur für die Stadtplanung interessieren würde oder auch die Edition-Fils weiter fortführen würde. Ich sagte zu, das inzwischen 150 Jahre alte Familienunternehmen zu übernehmen, wenn ich erst einmal Zeit bekäme, für einige Monate in den USA Künstler, Museen und Galerien zu besuchen. Und so kam es, dass ich neben Rauschenberg und Sam Francis einen Termin bei Christo und Jeanne-Claude in New York erhielt. Obwohl ich der junge, noch absolut unbekannte erst zukünftige Kunstverleger war, durfte ich sie in ihrem Atelierwohnhaus in Soho in ihren Privaträumen besuchen. Später erfuhr ich, dass es vor 1964 das Atelier von Claes Oldenburg gewesen war.

Die Zwei klopften mich geistig ab und als ich wiederholt fragte, ob ich etwas von ihnen verlegen dürfte, kanzelten sie mich etwas ab mit der Bemerkung: „Wir machen alles selber und sind unser eigener Galerist.“ Dann sagten sie: „Da liegt ein Stapel mit Drucken vom Projekt Verhüllter Reichstag, was wir in Berlin realisieren wollen. Sie können das mitnehmen und melden sich, wenn Sie etwas verkauft haben.“ Nach drei Monaten hatte ich die 100 Blatt verkauft und fragte, ob ich nun etwas verlegen könnte.

Nach diesem Erfolg und der braven Rückmeldung gab es dann die erste Vorlage für einen Druck. Wir benötigten mehr als 20 Andrucke, die hin- und hergeschickt wurden beziehungsweise bei meinen Aufenthalten in New York oder Christos regelmäßigen Besuchen in Düsseldorf begutachtet wurden, wo damals auch Wolfgang Volz, der einzige zugelassene Christo-Fotograf, lebte. Die Änderungswünsche waren nicht so genau wie bei anderen Künstlern, die klar machten, hier etwas weniger Blau und dort mehr Gelb zu wollen, sondern bei Christo hieß es: „More sunshine, please.“ Nun, irgendwann gab es das finale Okay und danach war auf beiden Seiten das Verständnis so groß, dass es bei den nächsten Editionen nur noch wenige Korrekturen gab. Beim letzten Druck zum Projekt Arc de Triomphe in Paris erlaubte ich mir nach dem ersten Andruck erst jetzt kürzlich vor ein paar Wochen, im Frühjahr 2020, zu schreiben: Ich glaube, es ist perfekt, und nachdem Christo es gesehen hatte, kam auch postwendend die Antwort: „It´s excellent, Alexander!“

Über die 35 Jahre war das Vertrauen so groß geworden, dass jeder wusste, was der andere erwartete und in der ganzen Zeit haben wir nie Verträge abgeschlossen. Christo und Jeanne-Claude mussten nur anrufen und durchgeben, was sie wollten, handele es sich um einen Druck oder Besuche bei Galeristen, es wurde gemacht. In der Anfangszeit, das heißt in den neunziger Jahren, als ein Handy noch etwas ganz Neues war und ich noch nicht wusste, wie man es stumm stellte oder es diese Funktion noch gar nicht gab, rief der damalige Kulturdezernent Grosse-Brockhoff im Rathaus, wenn mein Telefon plötzlich klingelte: „Christo calling“ – und er lag fast immer richtig. Selbst als E-Mails selbstverständlich wurden, lief die Kommunikation mit Christo und Jeanne-Claude über Telefon und Fax, aber es war erst nach 10 Uhr Ortszeit New York erlaubt, sich zu melden, also 16 Uhr bei uns. Umgekehrt war es selbstverständlich, mitten in der Nacht von Christo angerufen zu werden.

Obgleich ich schon die Chance gehabt hatte, 1985 über die verhüllte Pont Neuf in Paris zu laufen, war das Umbrella Projekt, das 1991 in Japan und in Kalifornien zeitgleich realisiert wurde, das erste Werk, welches ich im Vorlauf miterleben konnte. Da die Schirme in einem Tal bei Tokyo mit einem Durchmesser von cirka neun Metern die Dimension von japanischen Häusern haben sollten, beschwerte sich Christo, dass er für jeden einzelnen Schirm, es waren insgesamt über 3000, einen Hausbauantrag stellen musste.

Die positive Stimmung führte dazu, dass Rita Süssmuth auf Christo und Jeanne-Claude aufmerksam wurde. Sie schrieb dann den bemerkenswerten Brief an das Künstlerpaar mit der Frage, ob sie noch an dem Projekt für Berlin interessiert seien und dass sie helfen könnte bei der Genehmigung. Nach fast 20 Jahren Arbeit an der Idee, den Reichstag zu verhüllen, glaubten die Künstler zunächst nicht, dass es jetzt ernsthaft eine Möglichkeit gäbe, das Kunstwerk zu realisieren. Christo selber hatte mir jahrelang erzählt: „Der Kohl mag mich nicht.“ Es mag vielleicht richtig gewesen sein, dass Helmut Kohl kein besonderes Interesse an Kunst hatte, aber der Kanzler war gar nicht die entscheidende Figur. Hausherr des Reichstagsgebäudes war immer der jeweilige Bundestagspräsident und die hatten bis dahin immer die Verhüllung abgelehnt, um keinen diplomatischen Konflikt in der Viermächtestadt Berlin und mit einem direkt an der Mauer stehenden Gebäude auszulösen.

Nach ungefähr einem Jahr nahmen Christo und Jeanne-Claude den Kontakt mit der Bundestagspräsidentin auf und lernten sehr schnell die Zuverlässigkeit von Rita Süssmuth kennen. Sie hätte alleine die Entscheidung fällen können, aber dazu war ihr das Thema zu umstritten, sodass wir nach vielen internen Diskussionen Süssmuths Vorschlag gerne aufgriffen, dass sie auf die Tagesordnung des Bundestages eine Aussprache und Abstimmung über die Reichstagsverhüllung setzen könnte. Das Paar nahm sich jetzt fast ein Jahr Zeit um, zwischen Düsseldorf und Bonn pendelnd, fast mit jedem Bundestagsabgeordneten ein Einzelgespräch zu führen. Besonders engagiert zeigte sich der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Schulhoff aus Düsseldorf, der selber ein großer Kunstsammler war.

Am Abend vor der Debatte im Bundestag saßen wir beim Abendessen zusammen und ich fragte Christo: Wirst du sehr entäuscht sein, wenn morgen der Bundestag das Projekt ablehnen wird? Die Antwort war: „No, not at all; we had the chance to speak to so many people, who otherwise would never have talked about art. But if it will be possible, it is first of all a present for us and a chance to see, if our vision was correct. And furthermore it will be a present for all interested people.“

Alle Projekte von Christo und Jeanne-Claude außerhalb von Museen sind ohne Eintritt zu besichtigen und sie haben nie öffentliche Gelder oder Sponsorengelder in Anspruch genommen. Es gehörte zu meinen Pflichten, dies in jeder Ausstellung und bei jedem Bilderverkauf deutlich zu machen, denn die Projekte wurden tatsächlich nur durch den Verkauf der Vorzeichnungen und der Grafiken finanziert. Allerdings mussten für die Realisierung immer hohe Kredite aufgenommen werden, die dann erst langsam und mit Mühe abgezahlt werden konnten. Erst 2005 beim Gates-Projekt rief mich nachts Jeanne-Claude an, um mir zu erzählen, dass sie gerade das letzte Bild zum Gates-Projekt verkauft hatten und nun keine Collage oder Zeichnung mehr da sei. Sie fragte mich sofort: „Alexander, weißt du, was das bedeutet?“ Aber bevor ich etwas sagen konnte, rief sie ins Telefon: „Das bedeutet, wir sind das erste Mal schuldenfrei nach vierzig Jahren Arbeit.“

In Berlin 1995 wie auch in New York 2005 gehörte es zu meinen Aufgaben, illegale Reproduktionen, Fotos und Postkarten zu entdecken und sie vom Markt zu nehmen. Das funktionierte in Berlin ganz gut, auch wenn anfangs einige Menschen behaupteten, dass doch auf dem Gebäude „Dem Deutschen Volke“ stünde, aber fast alle haben nach ein paar Minuten ruhiger Gespräche begriffen, dass es ein Copyright auf Kunst gibt und ohne Genehmigung durch die Künstler bis weit nach ihrem Tod keine Abbildungen und Verkaufartikel angefertigt werden dürfen. In den USA gestalte sich das Rechtsproblem etwas schwieriger, denn nachdem ich dort einigen wilden Händlern am Rande des Central Parks ebenfalls erklärte, dass sie bitte ihre illegalen Produkte in den Müll werfen sollten oder ich die Polizei rufen würde, kam wenige Stunden später ein aufgeregter Anruf von Christo und Jeanne-Claude.

Wir trafen uns sofort, sie waren in großer Sorge um ihren Ruf, denn die Presse in New York war von den einflussreichen Händlern angerufen worden und es drohten nun Artikel mit dem Tenor, dass ein bulgarischer Künstler mit seiner französischen Frau und ihrem deutschen Kunstverleger die Freiheitsrechte der USA angreifen würden. Denn anders als in Deutschland darf in den USA alles (auch alles Falsche oder Beleidigende) gesagt werden, das heißt es gibt die absolute Meinungsfreiheit, die nun auch auf das Bildrecht bezogen wurde. Formalrechtlich wäre diese Position zwar angreifbar gewesen, aber um kein böses Blut auszulösen, war es klar, dass ich jetzt nichts mehr gegen die Raubritter unternehmen sollte.

Ansonsten war es eine äußerst glückliche Zeit. Mein gerade ein Jahr alter Sohn zupfte an den orangenen Stoffen der Gates-Installation von Christo und Jeanne-Claude, wenn er auf meiner Schulter saß und nicht von meiner Frau durch den Central Park geschoben wurde.

Zwischen den beiden großen Projekten (verhüllter Reichstag in Berlin und The Gates in New York) hat es sehr spannende kleinere Installationen gegeben, wie die verhüllten Bäume 1997/98 im schweizer Riehen, bei denen Jeanne-Claude und Christo jeweils andere Gruppen mit den Verhüllungen beauftragten bzw. Anweisungen gaben, aber ein Gemeinschaftswerk realisierten. Ästhetisch war es auch mit den unterschiedlichen Wetterbedingen bis hin zum Schnee ein Meisterwerk.

Bei einem Motiv, was ich vor der Verhüllung drucken sollte, war mir aufgefallen, dass die Wiesen vor den Bäumen eine gelbliche Färbung hatten und das selten bei uns im Winter in den Voralpen so vorkommt. Ich hatte also meine Zweifel, ob er da eventuell zu sehr an die Rocky Mountains gedacht hatte, wo es die gelben Wiesen gibt. Also habe ich erst einmal vorsichtig bei Jeanne-Claude gefragt, ob ich die Farbe ändern sollte. Sie war auch erstaunt, aber verwies mich an Christo. Der wurde zwar nicht grantig, als ich seine künstlerische Interpretation in Frage stellte, aber in klarer deutlicher Stimme kam die Antwort: "I am the artist and you have to print it in yellow." Eine Erklärung gab es nicht, weshalb die Überraschung umso größer war, als wir im frühen Winter in Riehen bei Basel vor Ort waren und der Boden gelblich schimmerte. Nur es war nicht der Rasen, sondern die heruntergefallenen Blätter, die sich gelb gefärbt hatten. Der Künstler hatte es richtig vorhergesehen, nur nicht erklären können oder wollen.

Auch die Ölfässermauer in Oberhausen nur ein Jahr später 1999 war spektakulär mit der Fahrt im gläsernen Lift daran vorbei und der Kombination von Landart, Pop Art, Konzeptkunst bis hin zur Op Art durch die Irritation der Farbanordnungen der Fässer. Es konnten immer nur wenige hundert Fässer pro Tag produziert werden, die dann alle im festgelegten Prozentsatz lackiert angeliefert wurden. Doch die Mitarbeiter durften die Fässer so vom Lastwagen nehmen, wie sie gerade zugreifen konnten. Das Ergebnis war eine Mauer, die einem System zu folgen schien, aber dies immer nur in Bezug auf ein paar hundert Fässer der Tageslieferung und nicht in Bezug auf die 13.000 Ölfässer im Gasometer.

Über viele Jahre wurde ebenfalls am Projekt Over the River gearbeitet. 1996 durfte ich mehrere Wochen Christo und Jeanne-Claude mit Wolfi, wie Wolfgang Volz genannt wurde, sowie einigen Freunden und Ingenieuren auf einer wahnsinnig spannenden Reise durch die Rocky Mountains begleiten. Wir fuhren von der mexikanischen Grenze und dem Rio Grande bis fast nach Kanada in Idaho. Auf Anweisung von Christo wurden Seile über sechs verschiedene Flüsse gezogen, um dann mit Hilfe von Fotos im Atelier Studien zu machen, wie die Idee von Stoffbahnen über einem Wildwasserfluss mit Raftingbooten am besten zu realisieren sei. Ich hatte nicht nur die Ehre, später als Figur auf ein paar Studien von Christo aufzutauchen, sondern wurde nun als Teil der Christo-Family bezeichnet.

Christo und Jeanne-Claude entschieden sich für den Arkansas River im Bundesstaat Colorado. Doch nach vielen Prozessen und Verzögerungen wollte er trotz offizieller Genehmigung auch durch die Naturschützer und durch die Bundesregierung, weil Staatsgelände mit genutzt werden sollte, das Projekt nicht mehr umsetzen, denn er wollte Donald Trump keine Chance geben, sich vor dem Kunstwerk zu inszenieren.

2009 starb Jeanne-Claude in Folge eines Sturzes und eines Aneurysmas. Als sie schon im Koma lag, kam nachts von Christo der Anruf, dass sie im Begriff sei zu sterben. Doch typisch für positiv eingestellte Menschen gab es keine Trauerfeier, sondern sie hatte ihren Körper der Wissenschaft vermacht und sich eine fröhliche Feier im nächsten Frühjahr zu ihrer Erinnerung gewünscht. Christo bereitete monatelang dieses Fest vor, was dann im April 2010 als einzigartige Veranstaltung im ansonsten geschlossenen Metropolitan Museum stattfand und wunschgemäß wurden nur die fröhlichsten Bilder und Filme gezeigt.

Jetzt trauern wir um Christo und wieder ist es so, dass es keine normale Beerdigung geben kann, weil Corona keine Reisen oder Zusammenkünfte zulässt. Die Beiden hatten sich zu Lebzeiten gegeneinander versprochen, dass der weiter Lebende auch weiter arbeiten werde und das hat Christo auch nach einer kleine Pause getan und noch weitere wunderbare Projekte realisiert: zunächst mit einem riesigen Ballon erneut im Gasometer in Oberhausen, dann das vollkommen überrannte Werk am Lago d´Iseo in Italien mit Stegen im See, die von organgenem Stoff ummantelt waren, und schließlich noch die Mastaba im Hyde Park als Vorbild für eine noch viel größere Mastaba in Abu Dhabi.

Nun werden die Neffen und das Team das letzte fertig geplante und vorproduzierte Werk umsetzen, die Verhüllung vom Arc de Triomphe in Paris im September 2021. Die Künstler und die großen Projekte sind vergangen, aber sie leben in der Erinnerung der Besucher, in Filmen, Fotografien und Zeichnungen weiter und werden fast tagtäglich zitiert."

 

Christo und Jeanne Claude bei uns in der Zentrale | Fils Fine Arts
 

Kunst, Editionen, Unikate und Fotografien von Land Art-Künstler Christo, seiner Frau Jeanne Claude und Wolfgang Volz | Fils Fine Arts

Aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit können wir ein breites Programm an Arbeiten von Christo anbieten.

Originale Collagen • Verhüllte Objekte • Seltene Unikate • Handsignierte Drucke

Limitierte Fotografien

 

Christo, Jeanne Claude und Fils | Fils Fine Arts

Mehr Erfahren über Christo und Jeanne-Claude!

In unserem Künstlerspecial erfahren Sie Interessantes über das Werk des unvergleichlichen Künstlerpaares.
(Foto, von rechts nach links: Christo, Jeanne-Claude, Alexander Fils)

 

Paris-Projekt von Christo und Jeanne-Claude

Christo »Arc de Triomphe (Project for Paris)« | Fils Fine Arts

»Arc de Triomphe (Project for Paris)«, Pigmentdruck auf Bütten; der einzige existierende Druck zum Paris-Projekt, das 2021 realisiert werden wird

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